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Bernadette Wagner, Luzern

Praxis für gesunde Gelassenheit

Im Fluss



Weihnachtsglimmer

Ganz entsetzt wettert die ansonsten sehr freundliche Frau in der Bäckerei über die bereits im Oktober ausgestellten Weihnachtsdekorationen. Verständlich, denn die herrlich klaren und warmen Tage, das Laub der Bäume noch kaum gefärbt, wollen wir doch jetzt als Jahreszeit geniessen, die Herbst heisst. Der Winter kommt noch früh genug. Weihnachten ist ein Geschäft und wie im Business üblich lautet die Devise : Immer mindestens einen Schritt voraus! Denn der Erste ist der Schnellere... Doch, so schnell lassen sich die wenigsten erwachsene Menschen in unserer Kultur einfach in eine andere Welt katapultieren.

Die Aussage der Frau hat mich einige Tage begleitet. Deshalb achtete ich vermehrt auf Gespräche, welche dieses Thema zum Inhalt hatten. Dabei hörte ich oft: «Das ist reine Geschäftemacherei» oder «Vor dem ersten Dezember interessieren mich diese Auslagen nicht». Jetzt sind Herbstspezialitäten angesagt und wenn immer möglich halten wir uns noch gerne in der freien Natur auf und beobachten dabei ihr mit der Zeit golden werdendes Herbstkleid. Ich meine, unser freier Wille ist, das eine zu tun und das andere zu lassen. Ich kann den Herbst geniessen und die Weihnachtsdekoration in den Schaufenstern ignorieren. Doch ich vermute, dass gerade Menschen, welche täglich in ein starres Schema eingebettet sind, morgens in die Stadt hinein, abends wieder heraus und am Wochenende aus welchen Gründen auch immer, keine Möglichkeit haben, das nachzuholen, was sie während der Woche vermissen, solch verfrühte Stimmungsmacherei schon stören kann. Man eilt ja eh der Zeit nach oder ihr voraus, einfach nie so richtig in der Gegenwart, im Jetzt.

Emotionen ansprechen...
Vermutlich nehmen solche Menschen wahr, dass damit ihre Emotionen angesprochen und in eine Richtung gelenkt werden sollen, für die sie schlicht nicht bereit sind, sie jetzt zu haben. Mit Recht, denn Emotionen können nicht ferngesteuert werden oder gar per Knopfdruck entstehen. Vielmehr kommen sie, wenn uns etwas im Innern berührt und das geschieht meist unverhofft. Dann sollen wir sie wahrnehmen, ob als leuchtende Sterne oder als reinigendes Gewitter, je nach Art der Gefühle. Dennoch, die Weihnachtsdekoration in den Geschäfts- Auslagen mit ihrer glitzernden Wintermärchenpracht, den farbigen, glänzenden oder matten Kugeln und mit allem, was dazu gehört, kann in uns schon etwas wachrufen. Der Idee, diese mit Lichter zu kombinieren, sie als fröhliche, festliche oder gestylte Wohnaccessoires bereits während den oft trüben und kalten Novembertagen in unsere Stuben zu bringen, kann ich schon etwas abgewinnen. Dies, weil ich weiss, dass es Menschen gibt, welche während dieser Zeit besonders unter körperlicher und seelischer Kälte leiden. Ihnen hilft sicher die Wärme der Kerzen, die Helligkeit der Lichter und die Buntheit der Farben, etwas davon in ihr persönliches Zuhause und in ihr Inneres zu bringen.

... und einander schenken
Hat der immer früher beginnende Weihnachtsglimmer vielleicht doch unbewusst etwas mit der 'globalen Gefühlskälte' zu tun? Hersteller, so weiss man, lassen Trends recherchieren, damit sie in der Lage sind, das Gewünschte rechtzeitig zu liefern. Könnten sie dabei vielleicht herausgefunden haben, dass sich viele Menschen mehr Glanz, Licht und Herzenswärme in ihrem Leben wünschten? So oder so, die meisten Menschen mögen sich mit schönen Dingen umgeben. Was sie jedoch ganz besonders lieben und benötigen, ist Zuneigung, eine Art von zwischenmenschlicher Wärme, welche unter anderem Sicherheit und Gefühle von Geborgenheit auslösen, die Augen strahlen lassen und das Herz zu öffnen vermag. Manchmal getrauen sich Menschen nicht, anderen etwas Gutes zu sagen oder Gutes zu tun. Vielleicht haben sie es nie gelernt oder haben es durch unschöne Erfahrungen verlernt. Da könnte gerade die unerschöpfliche Fülle dieser weihnachtlichen Dekorstücke uns Ideen liefern, wie es uns gelingen kann, anderen Menschen etwas Angenehmes zu sagen. Ein Tipp: Suchen Sie sich daraus ein Stück mit dem Kriterium aus, welches die Eigenschaften, die Sie an der Person so schätzen, für Sie widerspiegelt. Beschreiben Sie dann diese Qualitäten der Person damit und sagen Sie ihr damit danke.

Die am Anfang erwähnte Frau macht solche Geschenke. Täglich mit ihrem echten, freundlichen Wesen, weil sie ihren Beruf liebt und die Kunden mag. Sie macht auch, wie ich sie kenne, selbst wunderschöne Geschenkpäckli. Sie macht es nicht nur im Oktober, sondern das ganze Jahr über, deshalb ihr mit Recht erboster Ausruf.

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